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Fahrrad Weltreise: Interview mit Linda Beilig

Hi Linda! Erzähl uns gerne etwas mehr über dich.

Ich heiße Linda und bin 37 Jahre alt. Ich bin in Magdeburg aufgewachsen, zur Schule und Uni gegangen, und lebe seit 2020 auch wieder in meiner Heimat. Zwischenzeitlich habe ich fünf Jahre lang in England gelebt, wo ich meinen – mittlerweile Ex – Partner Tim kennengelernt habe, mit dem ich 2018 die Fahrrad-Weltreise angetreten habe. Beruflich habe ich einige recht verschiedene Dinge gemacht – ich habe Psychologie studiert, für eine politische Partei gearbeitet, in England als Account-Managerin für eine Softwarefirma und in der Debitorenbuchhaltung für einen großen Mischkonzern gearbeitet, und bin seit meiner Rückkehr nach Deutschland 2020 wieder in der politischen Verwaltung gelandet, als Mitgliederbetreuerin.

Wie lange wart ihr unterwegs?

Zwei Jahre. Wir hatten vorher kein festes Enddatum – die Devise war: so lange, wie wir Lust haben, oder bis uns das Geld ausgeht. Gerne wollten wir es bis nach Neuseeland schaffen, hatten aber auch im Hinterkopf: wenn man nach zwei, drei Monaten merkt, dass es einem keinen Spaß macht, dann geht’s halt wieder zurück nach Hause, ohne dass man sich deshalb schlecht fühlen muss. Letztendlich hat es uns so gut gefallen, dass wir nach Neuseeland noch drei Monate weiter fahren wollten – es wurden dann nur noch zwei, bis die Pandemie der Reise ein minimal verfrühtes Ende bereitete.

Wart ihr schon immer sehr sportlich und gerne mit dem Rad unterwegs? Habt ihr vor der Reise Erfahrungen mit längeren Strecken mit dem Rad gehabt?

Ich habe mich nie als sportliche Person gesehen, habe Sportunterricht in der Schule gehasst. Mit dem Rad war ich immer schon viel unterwegs – zur Schule, zur Uni, zur Arbeit – aber ich habe das nie als Sport angesehen und war wahrscheinlich bis ein Jahr vor der Reise noch nie mehr als 30 km an einem Tag mit dem Rad gefahren. Tim war eindeutig der Sportlichere von uns beiden und hatte zumindest schon einige längere Tagestouren mit dem Rad gemacht, neben Klettern und früher Rudern. In Vorbereitung für die Reise haben wir ein paar kleine Touren gemacht – z.B. Manchester nach Bristol und den “Way of the Roses”, eine Radroute von der West- zur Ostküste Englands.

Tadschikistan
Wie war euer Reisestil?

Tim und ich sind beide von Natur aus sparsame Menschen, es war also klar, dass das Ganze mehr oder weniger low budget wird, ohne aber an den falschen Ecken sparen zu wollen. Manchmal war es schwierig, die richtige Balance zu finden – “Wollen wir uns die Pizza für 35 Australische Dollar wirklich gönnen, um unsere 30,000 km zu feiern?”. Wir gehen beide gern essen, haben uns auf der Reise in teureren Ländern aber sehr zurückgehalten und nur für besondere Anlässe aufgehoben. Größtenteils haben wir also selbst gekocht.

Im Großen und Ganzen haben wir aber gefühlt die gesamte Zeit über “gut gelebt” und uns Dinge, die wir gern machen oder essen wollten, auch geleistet, während wir unser day-to-day spending trotzdem sehr gering gehalten haben. Etwa 40 % unserer Übernachtungen waren im Zelt, knapp 80 % waren umsonst (zusätzlich zum Zelten Übernachtungen bei Warmshowers- und Couchsurfing-Hosts, Freunden und spontane Einladungen).

Tadschikistan
War der gewählte Reisestil der richtige für euch?

Ich habe den Reisestil des Cycle Touring geliebt. Klar ist man auch mal genervt – von rücksichtslosen Autofahrern, schlechten Straßen, dem Wetter – aber no pain, no gain 🙂 Und die Vorteile und Erlebnisse machen diese Dinge mehr als wett. Radreisen sind einfach eine tolle Art, die Welt zu sehen: Man sieht sie aus der Nähe und in einem perfekten Tempo, um mit seiner Umgebung zu interagieren und trotzdem voranzukommen; es ist gesund, gut für den Planeten, und man kann eine Radreise mehr oder weniger so günstig machen, wie es für den eigenen Geldbeutel nötig ist.

Ich glaube, dass ich ein sehr anpassungsfähiger Mensch bin, aber auch, dass viele andere Menschen anpassungsfähiger sind, als sie es sich zutrauen würden. Der fehlende Komfort hat mir nichts ausgemacht, bzw. ich habe ihn meist gar nicht als solchen wahrgenommen, weil ich mich einfach glücklich geschätzt habe, diese Erfahrung machen zu können.

Es gab harte Tage, an denen man geheult hat, aber die gab und gibt es auch im Leben davor und danach. Auch, sich in Bezug auf Kleidung und Gegenstände einschränken zu müssen, hatte gefühlt eher einen positiven als einen negativen Effekt – so lange man alles hat, was man braucht, führt ein Mehr an “Zeug” oft nur zu einem Mehr an Stress.

Es ist natürlich auch schön, jetzt wieder dauerhaft ein Dach über dem Kopf, eine Dusche und ein Bett zu haben, aber für die Dauer der Reise habe ich das sorglose, minimalistische, vagabundenartige Dasein sehr genossen. 

Aserbaidschan
Gab es einen Auslöser, einen Schlüsselmoment für die Entscheidung eine Weltreise zu machen?

Ein innerer Wunsch, auf ein großes Abenteuer zu gehen, war bei mir rückblickend, glaube ich, schon immer da. Die konkrete Idee zu der Radreise kam von Tim – er hatte einige Jahre, bevor wir uns kennenlernten, ein Buch von jemandem gelesen, der von seiner (und gleichzeitig auch Tims) Heimatstadt in Worcestershire aus mit dem Rad nach Japan gefahren war. Seitdem war er von der Idee einer ähnlichen Reise fasziniert und hatte beschlossen, diese nach Abschluss seiner Promotion anzutreten.

Parallel lernte ich zwei (voneinander unabhängige) Menschen kennen, die auch lange Radreisen gemacht hatten, und war ebenfalls fasziniert. Tim und ich lernten uns kennen, wurden ein Paar und er erzählte mir von seinem Plan, der sich nach sofortiger Begeisterung meinerseits im Laufe der Zeit in unseren Plan wandelte.

Vietnam
Wie lange habt ihr euch auf die Weltreise vorbereitet?

Die mehr oder weniger aktive Vorbereitungszeit war etwa ein Jahr. In dieser Zeit haben wir uns nicht permanent mit der Planung befasst, aber nach und nach Dinge erledigt – geeignete Räder und Equipment gekauft, Blogs und Bücher gelesen, sehr grobe Routenplanung und damit einhergehende Visumsangelegenheiten etc. Wir haben nicht speziell “trainiert”, sondern nur die schon erwähnten kleinen Wochenendtrips gemacht, um sicherzugehen, dass uns diese Art zu reisen zumindest grundsätzlich gefällt. Allerdings hatten wir beide tägliche Arbeitswege von über 15 km hin und zurück, die natürlich auch ein gewisses Training darstellen. Die Vorbereitungszeit war absolut ausreichend – mir fällt nichts ein, was wir eigentlich noch erledigen wollten, aber nicht mehr geschafft haben.

Eine subjektive Herausforderung war, dass ich für jeden Gegenstand, den ich mitnehmen wollte, den perfekten Gegenstand finden wollte. Ich habe online stundenlang Regenjacken und Schlafsäcke verglichen und konnte mich nicht entscheiden, weil ich das Gefühl hatte, dass dies extrem wichtige Entscheidungen sind, weil diese paar Gegenstände mein komplettes Leben bestimmen werden (gleichzeitig wollte der Sparfuchs in mir aber nicht einfach die teuerste Ausführung jedes Gegenstandes oder Kleidungsstücks kaufen).

Rückblickend war dieser Stress aber absolut unnötig – natürlich macht es Sinn, sich zu informieren und Produkte zu vergleichen, aber wenn sich etwas doch als nicht ideal herausstellt, kann man unterwegs immer noch neue Dingen kaufen; wenn man etwas online bestellen muss, kann man es z.B. zu Warmshowers-Hosts liefern lassen. Man kann sich also leicht in solchen Detailfragen verlieren, sollte aber auch eine gewisse Zuversicht haben, dass alles schon irgendwie klappt, denn das tut es dann irgendwie auch immer.

Eine weitere Herausforderung war ein bestimmtes Visum – das für Pakistan. Alle anderen Visa würden wir unterwegs bzw. online bekommen können, aber das pakistanische mussten wir vor Abreise in unserem jeweiligen Land der Staatsbürgerschaft beantragen, also in Tims Fall in England, in meinem in Deutschland. Das Ganze war eine ziemlich komplizierte Angelegenheit, und letztendlich haben wir es innerhalb des Gültigkeitszeitraums des Visums nicht bis nach Pakistan geschafft und mussten unsere Route ändern. Mittlerweile gibt es für Pakistan aber ein E-Visum.

Kasachstan
Habt ihr ein monatliches Budget gehabt und wie hoch war es?

Wir hatten kein festgelegtes monatliches Budget, haben unsere Ausgaben während des Trips aber ausführlich festgehalten und im Blick gehabt. Wir wollten die Reise im Prinzip so günstig wie möglich gestalten, ohne dass Spaß und Genuss verloren gehen.

Wir haben nach einer Weile festgestellt, dass unsere durchschnittlichen täglichen Ausgaben (Essen und Unterkunft) relativ konstant bei etwa 6-8 € pro Person und Tag lagen, womit wir mehr als zufrieden waren. So hatten wir dann auch kein schlechtes Gewissen, in günstigeren Ländern häufiger auswärts zu essen und in bezahlten Unterkünften zu übernachten, da wir uns so etwas mehr “Luxus” gönnen konnten, aber immer noch locker unter 10 € pro Person und Tag lagen. Insgesamt lagen die alltäglichen Ausgaben für die gesamte Reise bei etwa 4,300 € pro Person, hinzu kamen nicht-alltägliche Sonderausgaben wie Ersatzteile, Reparaturen und Langstreckentransport. Inklusive dieser waren die Gesamtkosten während der Reise etwa 7,200 € pro Person.

China
Wie hoch waren die Kosten im Vorfeld?

Die Kosten in Vorbereitung der Reise habe ich nicht speziell festgehalten, da es schwer war, zu entscheiden, welche Ausgaben “speziell für die Reise” gemacht wurden, und welche Gegenstände ich mir ohnehin so oder so ähnlich gekauft hätte, wie das Fahrrad selbst, die Gepäcktaschen, einen guten Schlafsack, Daunenjacke, Regensachen etc. Das Fahrrad, ein Genesis Tour de Fer 2016, habe ich gebraucht für etwa 850 € gekauft (der Neupreis war ähnlich, der Vorbesitzer hatte allerdings einige Anpassungen vorgenommen, die das Rad noch hochwertiger machten). Tim kaufte sein Fahrrad, ebenfalls gebraucht, für etwa 400 €, hat dann aber noch einiges an Aufwand hineingesteckt, um Dinge anzupassen, während meines quasi direkt startklar und perfekt geeignet war.

Die Auslandskrankenversicherung haben wir über worldwideinsure.com zunächst für 12 Monate abgeschlossen (etwa 380 € pro Person; beginnend ab Verlassen der EU), dann für weitere 6 Monate verlängert (180 €), und anschließend, da diese nicht mehr verlängert werden konnte, für die letzten 4 Monate über Big Cat Travel Insurance eine neue abgeschlossen (200 €, gesamt also etwa 760 €).

Mexiko
Das geplante Budget konnte also einhalten werden?

Wir hatten kein festes Budget und hatten beide Ersparnisse im niedrigen fünfstelligen Bereich, die wir jedoch nicht gänzlich aufbrauchen wollten. Wenn mir jemand vorher gesagt hätte, dass die Reise zwei Jahre lang sein wird, hätte ich wahrscheinlich mit insgesamt höheren Ausgaben gerechnet; so gesehen konnten wir also unser Budget mehr als einhalten.

Wie habt ihr die Reise finanziert?

Wir hatten beide Ersparnisse aus Sparkonten und unseren bisherigen Arbeitsverhältnissen und haben die Reise komplett daraus finanziert. Wir haben uns vorher offen gehalten, ob wir zwischendurch irgendwo Pause machen und arbeiten wollen, letztendlich hat es sich aber (u.a. aus Timing-Gründen, was z.B. die Jahreszeiten angeht) nie ergeben und war, da wir so geringe laufende Ausgaben hatten, auch nicht nötig.

Kasachstan
Wie war es mit eurer Wohnung?

Unsere Wohnung in Manchester haben wir aufgelöst. Einzelne Dinge haben wir verkauft, aber da Wohnungen in England meist möbliert sind, hielt sich der Aufwand dahingehend in Grenzen. Wir haben sehr viele Punkte, die das “Danach” angeht, offen gelassen – vielleicht mögen wir es irgendwo so sehr, dass wir dort länger oder sogar für immer bleiben wollen? Oder wir gehen danach beide nach Deutschland? Oder wieder nach Großbritannien, aber dann wieder nach Manchester, oder woanders hin? So war es das Einfachste und Flexibelste, unser Hab und Gut, das wir nicht verkauft haben, in unseren jeweiligen Elternhäusern unterzubringen – Tim bei seinen Eltern in Worcestershire, ich bei meinen in Magdeburg.

Letztendlich haben wir uns noch während der Reise als Paar getrennt und sind die letzten sechs Monate als Freunde und Reisegefährten weitergefahren. Ich entschied mich während dieser Zeit, nach der Reise zumindest vorübergehend erst einmal wieder nach Magdeburg zu gehen. Das Ende der Reise war dann auch der Beginn der Pandemie, so dass ich ohne festen Wohnsitz und Staatsbürgerschaft in England ohnehin Probleme gehabt hätte, dort einzureisen, was die Tatsache, dass all meine Habseligkeiten schon bei meinen Eltern in Magdeburg waren, noch praktischer machte.

Habt ihr für die Reise gekündigt?

Als Zeitpunkt der Abreise hatten wir die Fertigstellung von Tims Doktorarbeit gewählt, er hat also keinen Job gekündigt o.ä. Ich hatte einen Bürojob, der zwar okay, aber auch kein absoluter Traumjob war, es war also keine “so einen Job finde ich nie wieder”-Situation. Meine Kolleginnen und Chefin, zu denen ich ein sehr gutes Verhältnis hatte und mit denen ich teils auch noch in Kontakt bin, haben sich für mich gefreut und die Reise durch unseren Blog auch zum Teil mit verfolgt. Es hätte evtl. auch die Möglichkeit einer unbezahlten Auszeit gegeben, aber ich wollte keine Deadline wie ein Damoklesschwert über mir und der Reise schweben haben – klar könnte man immer noch kündigen, wenn die Auszeit bald vorbei ist, man aber noch nicht will, dass es die Reise ist, aber irgendwie wollte ich für mich einfach einen komplett freien Kopf haben, alle Zelte abbrechen, mich nicht nach ein paar Monaten damit beschäftigen müssen, ob ich nun kündige oder nicht.

Wie viele Länder habt ihr besucht? Was waren deine Top 3 und warum?

Den ersten Teilabschnitt der Reise sind wir getrennt gefahren, da Tim noch seine Dissertation verteidigen musste, ich aber für die Hochzeit eines befreundeten Paares zurück in Magdeburg sein wollte. Ich bin also vorgefahren (England -> Niederlande -> Deutschland), er kam dann einige Wochen später nach und ist dabei eine etwas andere Route gefahren (England -> Frankreich -> Belgien -> Niederlande -> Deutschland), so dass sein Länderzähler zwei höher ist als meiner. Für mich waren es 31 Länder, für ihn 33.

Die Frage nach den Lieblingsländern ist natürlich immer eine sehr schwierige, da jedes Land auf seine Art toll und unvergesslich war, und man immer das Gefühl hat, einigen Ländern “unrecht zu tun”, wenn man sie nicht in die Top 3 aufnimmt. Aber natürlich kann ich die Frage absolut nachvollziehen, und entscheide mich heute nach Tagesform für die Türkei, Malaysia und Australien.

Die Türkei war das Land, wo die Reise gefühlt richtig losging, wo die Dinge das erste Mal merklich anders waren, und das erste “große” Land. Davor waren wir nur in Europa gewesen (vereinfacht gesagt, denn auch ein Teil der Türkei gehört ja noch zu Europa), was mit seinen Eurovelo-Routen ein perfekter, seichter Einstieg gewesen war, aber eben auch kein großes Abenteuer. In Europa hatten wir durchschnittlich vier Tage pro Land verbracht – in der Türkei sollte es über ein Monat werden. Länger, als ich jemals in einem Land gewesen war, in dem ich nicht gelebt hatte; genug Zeit, ein respektables Vokabular aufzubauen, sowie in die Bräuche und die Kultur des Landes einzutauchen, die geprägt war durch den Islam und durch tief in der Religion verankerte Konzepte von Wohltätigkeit und Gastfreundschaft. Die Häufigkeit, mit der uns fremde Menschen zu Tee, Essen und zu sich nach Hause einluden, war einfach überwältigend und hatten wir so noch nie erlebt. Hinzu kamen atemberaubende Landschaften (und sehr viele Katzen).

Faszinierend

Linda Beilig

Von so weit her bis hierhin: Geschichten aus zwei Jahren im Sattel. Spannende Geschichten über faszinierende Erlebnisse auf der Weltreise

Mit Malaysia hatte ich vor unserem Besuch quasi keine Assoziationen und keine Erwartungen. Umso positiver überrascht war ich über die Vielfalt des Landes: eine landschaftliche Vielfalt zwischen den Küsten und dem Inland der malaiischen Halbinsel und Borneos, die Flora und Fauna, sowie eine kulturelle und religiöse Vielfalt der Bewohnerinnen und – sehr zur Freude der Radreisenden – damit einhergehende Vielzahl von malaiischen, chinesischen und indischen Restaurants mit vielen vegetarischen Optionen. In unserem speziellen Fall kam noch gutes Timing hinzu: wir trafen eine Freundin wieder, ebenfalls eine Radreisende, die wir neun Monate zuvor in der Türkei kennengelernt und anschließend in acht weiteren Ländern wieder getroffen hatten; in Malaysia fuhren wir eine Woche lang zu dritt zusammen und begleiteten sie zu ihrer Ziellinie in Kuala Lumpur. Außerdem durften wir das islamische Fest des Fastenbrechens (Eid al-Fitr) bei einer malaysischen Familie miterleben, was auch ein absolutes Highlight war.

Malaysia

Australien hatte für mich – im Gegensatz zu vielen anderen – nie weit oben auf der Liste der Länder gestanden, die ich unbedingt besuchen wollte, und Tim ging es genauso. So war unser Hauptgrund für den Besuch: “Es liegt halt auf dem Weg von Indonesien nach Neuseeland, und wenn wir schon mal in der Gegend sind…”. Aber am Ende unseres dreimonatigen Aufenthalts war Australien zu einem meiner Lieblingsländer der Reise geworden; eines, in dem ich mir gut hätte vorstellen können, zu leben, wenn es nicht so weit von Europa entfernt und fast unmöglich wäre, ein Arbeitsvisum zu bekommen. Die Menschen waren extrem freundlich und die Landschaften spektakulär – dramatische Küstenabschnitte, saftig grüne Regenwälder, weite Wüsten. Seit unserer Zeit in Zentralasien hatten es mir Wüsten etwas angetan, und so habe ich auch unsere Durchquerung des Outbacks sehr genossen – die Weite der Landschaft löst in mir anscheinend ein Gefühl der Freiheit und Sorglosigkeit aus. Besonders nach der Intensität des vorangegangenen Landes – Indonesien – war die Fahrt durch die Wüste erdend und kathartisch.

Malaysia
War eure Reise-Route durchgeplant oder habt ihr eher unterwegs spontan entschieden?

Dass wir grob gen Osten fahren würden, stand irgendwie immer fest. Vielleicht weil es einfach naheliegt, da von Westeuropa aus gesehen der Großteil des eurasischen Kontinents östlich liegt. Davon abgesehen gab es eigentlich nur den Eckpunkt, dass wir idealerweise bis nach Neuseeland fahren wollten, und vielleicht, aber das schien unendlich weit weg, ja sogar noch weiter. Um diesen Eckpunkt haben wir dann eine grobe Route konzipiert – die Visumssituation in allen auf dem Weg liegenden Ländern in Eurasien recherchiert, Bücher und Blogs über Radreisen in diesen Gegenden gelesen und eine etwas genauere Route bis etwa Zentralasien gemacht (durch welche Länder fahren wir, wann müssen wir uns ggf. um das Visum kümmern, welche Routenoptionen gibt es in etwa innerhalb des Landes).

Die grobe Route haben wir dann während der Reise geschätzt immer so zwei bis drei Monate im Voraus weitergeplant – also z.B. in der Türkei entschieden, dass wir es nicht innerhalb unserer Visumsgültigkeit bis nach Pakistan schaffen und durch China nach Südostasien fahren müssen (wenn wir nicht fliegen wollten, was wir so lange wie möglich hinauszögern wollten), in Zentralasien entschieden, wo wir grob in China langfahren wollen und realistischerweise können, in China Südostasien recherchiert etc. Die exaktere Route, also welche Straßen wir genau nehmen wollen, haben wir dann jeweils kurzfristig erstellt, wobei es je nach Land Unterschiede gab, wie aufwändig es war, eine gute Route zu erstellen, und wie kurzfristig man das daher erledigen konnte – von direkt vorm morgens Losfahren bis etwa eine Woche vorher.

Neuseeland

Fun fact: Tims Schwester und ihr Partner hatten zum Zeitpunkt unserer Abreise seit zehn Jahren in Neuseeland gelebt und Tim hatte sie noch nie dort besucht, und vielleicht wurde Neuseeland so als Idee für ein theoretisches Ziel geboren – “Ich komme euch in Neuseeland besuchen, aber ich komme mit dem Fahrrad hin”. Letztendlich zogen die beiden und ihr Familienzuwachs aber während unserer Reise zurück nach Großbritannien, um näher beim Rest der Familie zu sein. So kam es nie zu dem Besuch, was aber nicht dramatisch war, da Tim sie ja zumindest nun nach der Reise wieder wesentlich regelmäßiger sehen kann.

Wie war es durch Pamir Gebirge zu radeln und auf der Höhe zu schlafen?

Den ersten Teil unserer Zeit in den Pamirs verbrachten wir mit der Durchquerung des Wakhan-Korridors, hier waren wir also noch nicht auf großer Höhe – die Aussichten waren atemberaubend, die Menschen wieder einmal unfassbar freundlich und die Straße anfangs noch akzeptabel. Weiter östlich, wo diese dann aus dem Tal auf die Hochebene führt,  verschlechterte sich die Beschaffenheit der Straße, die man irgendwann auch nicht mehr als solche bezeichnen konnte, und das Vorankommen wurde aufgrund der steilen, steinigen Pfade und immer dünner werdenden Luft immer beschwerlicher. Das Schlafen war kein Problem; das sich und sein Fahrrad zu bewegen hingegen… 😅

Tadschikistan

Nach vier mental und körperlich anstrengenden Tagen erreichten wir die M41, den Pamir Highway, und konnten ein wenig verschnaufen. Die letzten etwa 200 km bis ins kirgisische Sary-Tasch waren allerdings, vor allem aufgrund der einsetzenden winterlichen Verhältnisse Anfang Oktober auf 4,000 m Höhe, wieder extrem kräftezehrend.

Dieser Abschnitt war für mich eine der größten Herausforderungen der Reise und ich kann nicht behaupten, dass ich die Erfahrung währenddessen häufiger genossen als verflucht hätte. Rückblickend ist es aber wahrscheinlich auch einer der Abschnitte, der mir Kraft und Selbstvertrauen für die Zukunft gegeben hat – ich habe das geschafft, dann kann ich auch diese und jene viel weniger beängstigende Sache bewältigen.

Welches Land/Ort hat euch überrascht?

In negativem Sinne: Georgien, Kambodscha und Neuseeland. In allen dreien haben wir die motorisierten Verkehrsteilnehmer als extrem rücksichtslos wahrgenommen, in Georgien und Kambodscha kamen schlechte Straßenbeläge hinzu, in Neuseeland die Enge vieler Straßen und das windige, nasse Wetter, plus weitere Faktoren in jedem dieser Länder. Besonders in Georgien sind wir uns aber dessen bewusst, dass ein Teil unserer Erfahrungen auf die von uns gewählte Route zurückgeht.

In positivem Sinne: fast alle. Ich hatte zu wenigen der Länder, durch die wir gereist sind, im Vorhinein starke Assoziationen oder das Bedürfnis, diese zu bereisen. Serbien? Puh, keinen Plan, irgendwas mit Kosovo-Krieg. Bam – mega geiles Land. Usbekistan? Äh, nee, wirklich gar keinen Plan, würde es nicht mal auf ner Karte finden. Bam – unfassbar schöne Seidenstraßenstädte. Plus die schon erwähnten: Türkei, Malaysia und Australien, und Thailand, und Indonesien, und die USA, und…

China
Erzähl doch gerne etwas mehr über China.

China belegt, zusammen mit Australien, Platz 1 der Rangliste der Länder nach dort verbrachter Zeit – 93 Tage. Wann immer ich darüber nachdenke, welche Gefühle ich mit meiner Zeit in China verbinde, fällt mir das extrem schwer – und wie könnte man ein Land von der Größe Europas auch zusammenfassen?

Wie zuvor der Übergang von der christlich geprägten zur islamisch geprägten Welt, fühlten wir auch in den ersten Tagen und Wochen in China deutlich, dass wir eine kulturelle Grenze überquert hatten. Auch wenn einige der Veränderungen gewöhnungsbedürftig waren, wie die Kommunikationsschwierigkeiten und regelmäßiges von-Fremden-angestarrt-Werden, überwiegt rückblickend deutlich die unglaubliche Vielfalt an fantastischen Eindrücken: eine Vielfalt von Völkern, köstlichem Essen, Landschaften und Klima.

Wir kamen mit Menschen aus mindestens acht verschiedenen chinesischen Ethnien in Kontakt und ließen uns die Küchen aus sieben Provinzen schmecken. Wir verbrachten das Neujahrsfest des Yi-Volkes mit einer Yi-Familie, die uns spontan zu sich eingeladen hatte. Wir fuhren durch gemäßigte, Hochland-, subtropische und tropische Zonen, so dass wir innerhalb eines Vierteljahres ein Wetter erlebten, das sich zu Hause auf alle vier Jahreszeiten verteilen würde. Was die Landschaften anbelangt, so sahen wir die Taklamakan-Wüste, fuhren durch die alpine Steppe des tibetischen Hochlands, durch steile Flusstäler mit Terrassenfeldern und Karstlandschaften in Südchina. Ein absolut faszinierendes Land, von dem wir trotz dreimonatigem Aufenthalt nur einen kleinen Teil gesehen haben.

Vietnam
Habt ihr auch etwas Negatives erlebt? Euch bedroht/ängstlich gefühlt?

Bedroht haben wir uns eigentlich nie gefühlt – am ehesten durch rücksichtslose Autofahrer. Davon abgesehen ist die wohl negativste Geschichte in Bezug auf das Verhalten anderer die folgende:

Für unsere letzte Campingnacht in China fanden wir einen schönen, grasbewachsenen Platz, umgeben von Feldern und einigen Sträuchern. Der nächste Morgen begann jedoch mit einer unangenehmen Überraschung: eine meiner Gepäcktaschen war durchsucht worden. Sie war aufgrund eines Defekts an der Einhängung mit Kabelbindern am Gepäckträger fixiert gewesen und blieb zu dieser Zeit fast immer am Fahrrad, gefüllt mit Gegenständen, die ich für Diebe als nicht besonders wertvoll erachtete, da ich zu faul war, jede Nacht alles herauszuholen und ins Zelt zu bringen. In der Nacht waren die Kabelbinder durchgeschnitten worden, alle kleineren Taschen und Beutel im Inneren waren geöffnet und alles wieder lose hineingestopft worden. Zum Glück war außer den Kabelbindern nichts kaputt und die objektiv wertvollsten Gegenstände – eine Daunenjacke und eine SD-Karte – waren noch da. Nur zwei Gegenstände waren entwendet worden: ein Feuerzeug und eine kleine Geldbörse mit Münzen aus verschiedenen Ländern. Die Münzen hatte ich nicht absichtlich als Andenken gesammelt; sie waren meist übrig geblieben, wenn wir ein Land verlassen hatten und die Wechselstuben keine Münzen umtauschen wollten, wie es oft der Fall war.

Einerseits diente der Vorfall als Erinnerung daran, dass es überall auf der Welt Diebe gibt und dass wir es mit der Vorsicht nicht übertrieben, wenn wir unsere Fahrräder auch dann anschlossen, wenn wir an einem scheinbar abgeschiedenen Ort zelteten. Andererseits war dieses Ereignis natürlich keineswegs repräsentativ für unsere Zeit in China oder auf der Reise insgesamt – die überwiegende Mehrheit der Menschen, die wir getroffen hatten, war warmherzig, gastfreundlich und vertrauenswürdig. Dass dies der einzige derartige Vorfall während der gesamten zweijährigen Reise war, sagt, wie ich finde, viel über die Welt und ihre Menschen aus.

Laos
Gab es einen besonders schönen Moment auf der der Reise?

Zu viele, um 3-5 herauszupicken… Ich beschränke mich mal auf eine spontan ausgewählte Geschichte, die anderen findet ihr natürlich alle in meinem Buch 😉

Auf der Suche nach einem Platz zum Zelten in China hielten wir am Eingangstor zu einem Thermalbad. Der riesige Parkplatz der Anlage war von Grasflächen umgeben, die förmlich zum Zelten einluden. Wir fragten den Sicherheitsmann über Google Translate, ob wir auf dem Gras zelten könnten, woraufhin er jemanden anfunkte, aber die Antwort schien negativ auszufallen. Wir zeigten auf eine andere Grasfläche außerhalb des Zauns des Parkplatzes, er nahm wieder sein Funkgerät und diskutierte eine Weile mit jemandem, dann schien er eine Antwort für uns zu haben, die zwar nicht nein war, aber auch nicht einfach zu kommunizieren zu sein schien. Wir versuchten, ihn dazu zu bringen, langsam in mein Handy zu sprechen, um die Spracheingabe von Google Translate zu verwenden, aber er sprach zu schnell, so dass das, was herauskam, nicht kohärent war – irgendetwas darüber, ein Bad zu nehmen.

“Vielleicht wollen sie, dass wir für einen Besuch im Spa bezahlen und dann lassen sie uns auf ihrem Parkplatz campen?”, versuchte Tim, sich einen Reim darauf zu machen. Der Wachmann stieg auf seinen Elektroroller, gab uns ein Zeichen, ihm zu folgen und brachte uns zum Empfangsgebäude des Spas, wo er uns an eine junge Rezeptionistin übergab.

“Wēixìn?”, fragte sie uns und zeigte auf ihr Handy. Wēixìn, übersetzt „winzige Nachricht“, ist der chinesische Name von WeChat, einer Chat- und Social Media-App (WhatsApp, Facebook & Co sind in China natürlich gesperrt). Neben der Instant Messaging- und einer Bezahlfunktion, die absolut jeder in China für absolut alles nutzt, vom Einkauf im Supermarkt über Streetfood bis hin zu Hotelzimmern (leider konnten wir diese Funktion nicht nutzen, da ein chinesisches Bankkonto benötigt wurde), hat WeChat auch eine Übersetzungsfunktion für Direktnachrichten vom Chinesischen ins Englische und umgekehrt. Also fügten wir die Rezeptionistin als Kontakt hinzu und führten ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht, ohne zu sprechen, nur indem wir uns gegenseitig Nachrichten schickten.

Es stellte sich heraus, dass wir tatsächlich dort zelten durften, wenn wir ein Ticket für die Thermalquellen kaufen würden. Zunächst wurden uns 328 Yuan (etwa 40 Euro) für uns beide angeboten, was weit über unserem geplanten Budget lag. Als wir das der Frau sagten, wurde der Preis auf 34 Euro gesenkt, und als wir endgültig weiterfahren und uns einen anderen Platz zum Zelten suchen wollten, fiel er auf 17 Euro. Das war zwar immer noch mehr, als wir zu zahlen gehofft hatten, wenn man bedenkt, dass wir eigentlich nach einem kostenlosen Platz zum Zelten gesucht hatten, aber 8,50 Euro pro Person für ein Bad in Thermalquellen und einen schönen Rasen zum Zelten – why not.

Die Rezeptionistin stieg auf einen Roller und bat uns, ihr zu folgen, und anstatt uns, wie erwartet, zu einer grasbewachsenen Fläche des Parkplatzes zu bringen, wurde uns plötzlich klar, dass das Spa nicht nur ein Gebäude war, sondern eine riesige Anlage, die einen Wohnmobil- und Campingbereich beinhaltete, in dem wir zu einer Campingbucht mit einem privaten heißen Pool geführt wurden. Die Rezeptionistin deutete auf mein Handy: sie wollte etwas sagen. Ich erhielt von ihr eine Kette chinesischer Schriftzeichen, die sich nach Antippen der Nachricht und anschließend des Translate-Buttons umwandelte in: “Möchten Sie Voucher für das Frühstücksbuffet kaufen?”

“Bù, xièxiè”, sagte ich und schüttelte den Kopf: nein, danke. Die Rezeptionistin, die manchmal noch Wochen später Bilder likte, die wir auf “WeChat Moments” posteten, funkte jemanden an und teilte uns eine Minute später durch eine weitere Nachricht mit: “Ich habe mit meinem Chef gesprochen und ich darf Ihnen kostenlose Voucher für das Buffet geben.”

Und so verbrachten wir einen luxuriösen Abend in unserem Privatpool, gefolgt von einer lauen Nacht auf dem subtropischen Campingplatz unter Bananenbäumen, und am nächsten Morgen mehreren Tellern Nudeln, Teigtaschen, Reisbällchen, Gemüse und Obst am Frühstücksbuffet. Beeindruckt von der Menge, die wir in jenen Tagen essen konnten, lautete Tims Weisheit des Morgens: “Früher waren meine Augen größer als der Magen – jetzt ist beides gleich groß”.

Faszinierend

Linda Beilig

Von so weit her bis hierhin: Geschichten aus zwei Jahren im Sattel. Spannende Geschichten über faszinierende Erlebnisse auf der Weltreise
Was würdest du noch (mal) unbedingt machen wollen? Oder welchen Ort besuchen wollen?

Unser ursprünglicher Plan war, durch Pakistan und Indien zu fahren, was aber aufgrund der beschriebenen Visumssituation für Pakistan nicht mehr möglich war. Indien war eines der Länder, das schon seit Langem weit oben auf meiner To-Visit-Liste stand und so war es eine schwierige Entscheidung, es aus der Route zu streichen. Durch die Berichte, die ich in der Zwischenzeit von anderen Radreisenden gehört und gelesen habe, glaube ich aber mittlerweile, dass es zwar ein eindrucksvolles, aber gleichzeitig auch “anstrengendes” Land gewesen wäre. Indonesien z.B. war in vielerlei Hinsicht fantastisch, aber die Aufmerksamkeit, die wir als Westler in nicht-touristischen Gebieten täglich auf uns gezogen haben, konnte auch anstrengend sein. Ich weiß nicht, wie gut ich mit einem noch krasseren Mangel an Privatsphäre hätte umgehen können. Ich würde immer noch gern nach Indien reisen, vielleicht aber nicht als Radreise. Ähnliches trifft auf Südamerika zu: ich war noch nie dort, würde gern hin, habe viel Positives, aber auch viel Herausforderndes über Radreisen dort gehört.

Viele der Länder, durch die wir gefahren sind, würde ich gerne auch noch einmal – ob mit oder ohne Rad – bereisen, und Gegenden sehen, durch die wir nicht gefahren sind: die Küsten der Türkei, den Süden Vietnams, den Norden Thailands, den Westen Australiens, die Ostküste der USA, die Yucatán-Halbinsel in Mexiko.

Wenn ich mir die Route unserer Reise auf einer Karte anschaue, kommt mir die Welt manchmal richtig klein vor – da war ich überall, und ich bin die Länge des Äquators mit dem Fahrrad gefahren! – aber es gibt auch noch so viele Ecken, in denen ich noch nicht war und die ich gern noch sehen würde.

Laos
Waren die 24/7 zusammen über so viele Monate hinweg anstrengend? 

Da ich im täglichen Leben jemand bin, der seine alone time zu schätzen weiß und braucht, hatte ich durchaus gewisse Ängste, wie ich mental mit der Situation klarkommen würde, 24/7 mit meinem Partner zu verbringen. Tatsächlich kann ich mich aber an keine einzige Situation erinnern, in der mir speziell dieses Fehlen von alone time zu schaffen gemacht hätte. Natürlich hat man sich auch mal gestritten, aber gefühlt kam das nicht häufiger vor als in der Zeit davor, als wir einfach “normal” zusammen gelebt haben. Vielleicht ist das wieder diese erwähnte Anpassungsfähigkeit: wenn ich weiß, dass ich jetzt auf unbestimmte Zeit quasi keine komplette Privatsphäre haben werde, dann ist das jetzt halt einfach so.

Wie schon angesprochen haben wir uns ja aber während des Trips getrennt – so gesehen ist natürlich nicht alles perfekt gelaufen. Ich werde manchmal gefragt, ob ich glaube, dass die Reise unsere Beziehung “kaputtgemacht” hat, ob es eine Chance gibt, dass wir noch zusammen wären, wenn wir diese nicht gemacht hätten. Ich denke, dass eine solche Reise dazu führen kann, dass man Probleme in einer Beziehung erkennt, die man vielleicht ignoriert hat, dass aber letztlich weder man selbst noch die andere Person auf Dauer glücklich gewesen wären – unabhängig von der Reise. Und, dass wir uns ohne die Begeisterungen der Reise nicht nur trotzdem getrennt hätten, sondern vielleicht sogar noch früher.

Unter Radreisenden hört man tatsächlich von einer ganzen Reihe von Paaren, die sich während einer langen Radreise trennen, aber von niemandem in dieser Situation – Tim und mich eingeschlossen – habe ich gehört, dass die Beziehung wegen der Reise gescheitert sei; es ist immer etwas anderes, das den Leuten während dieser Zeit bewusst wird. Im Gegenzug schienen die Paare, die wir kennenlernten, die lange Radreisen zusammen gemacht hatten und immer noch zusammen waren, allesamt fantastische Beziehungen zu haben.

Faszinierend

Linda Beilig

Von so weit her bis hierhin: Geschichten aus zwei Jahren im Sattel. Spannende Geschichten über faszinierende Erlebnisse auf der Weltreise
Wie hat eure Familie/Umfeld auf die Entscheidung zur Weltreise reagiert?

Meine Mutter hat sich innerlich mit Sicherheit große Sorgen gemacht, mir aber nur die Spitze des Eisbergs davon gezeigt, weil sie wusste, dass sie mich nicht davon abbringen können würde, wenn ich den Entschluss einmal gefasst hatte. Gleichzeitig hatte sie aber, denke ich, Vertrauen darin, dass wir zwar abenteuerlustig, aber nicht lebensmüde sind, und wir uns gut auf alles vorbereiten würden. In abgeschwächter Form kannte sie das auch schon vor mir: fünf Jahre zuvor hatte ich nach jahrelangem “vielleicht ziehe ich irgendwann mal nach Manchester” verkündet: “Ich ziehe in zwei Monaten nach Manchester”, und hatte das dann einfach gemacht und das war ja auch gut gegangen. Sie hatte gesehen, dass mich das glücklich gemacht hat, Dinge einfach zu machen, die sich für mich richtig anfühlen.

In unserem Umfeld in Manchester waren viele Menschen, die eine ähnliche abenteuerlustige Ader haben, denen wir auch schon frühzeitig von unseren Überlegungen und Planungen erzählten. Diese waren also nicht wirklich überrascht, dass wir das Ganze dann auch durchgezogen haben. Viele meiner Freunde aus Deutschland reagierten auf eine “Okay, krass, aber passt auch irgendwie zu dir”-Art.

Würdest du aus heutiger Sicht bei der Reise/Reiseplanung etwas anders machen?

Den Stress mit dem Visum für Pakistan hätten wir uns rückblickend sparen können, aber das war zu dem Zeitpunkt nicht abzusehen. Ansonsten: nö, fällt mir tatsächlich nichts ein. Das heißt nicht, dass alles immer zu 100% glatt gelaufen ist, aber die Herausforderungen kann man im Einzelfall nicht vorhersehen und daher auch nie alles perfekt vorher planen. Wie auch das Wissen, dass ich es durch die Pamirs geschafft habe, ist auch das eine große Quelle von Selbstvertrauen und Gelassenheit in unvorhergesehenen Situationen: irgendwas kann man immer improvisieren, irgendwie kriegt man das schon hin.

Australien
Was würdest du denen raten, die eine solche Reise machen wollen würden?

Ich habe noch von niemandem gehört, der/die eine lange Radreise bereut hat, daher einfach: Macht es, wenn ihr Bock drauf habt!

Einige praktische Tipps, die mir spontan einfallen: Lernt ein paar grundlegende Fahrradreparaturen – es sind ohnehin nützliche Skills, zu wissen, wie man eine Kette, einen Schlauch, Bremsbeläge, vielleicht auch Bautenzüge und die Kassette wechselt-, man kann alles über Youtube lernen. Macht ein, zwei Trips über verlängerte Wochenenden, um ein Gefühl für diese Art des Reisens zu bekommen, und für das Level des Komfort, das ihr auf einer solchen Reise gern hättet (und wie sich das wiederum auf das Budget auswirkt).

Lest Erfahrungsberichte online und das Adventure Cycle Touring Handbook von Neil & Harriet Pike; meldet euch bei Warmshowers an und nehmt, wenn möglich, andere Radreisende bei euch auf, mit denen ihr Erfahrungen austauschen und die euch positive Bewertungen hinterlassen können, die es dann wiederum einfacher machen, auf der eigenen Radreise von Warmshowers-Hosts aufgenommen zu werden.

Während der Reise: am Ende jedes Tages in einer Mapping-App einen Marker setzen, damit man seine Route nachvollziehen kann; wenn man die Muße dazu hat (ich bin sehr froh, es getan zu haben), jeden Abend Tagebuch schreiben, um die Eindrücke festzuhalten. Sofern man einen Fahrradcomputer hat, am besten auch die an diesem Tag gefahrene Kilometerzahl aufschreiben. Nach der Reise, wenn sie so lang war wie unsere: sich wenn möglich etwas Zeit nehmen, das Erlebte zu verarbeiten; darauf vertrauen, dass man sich auch an diese sesshafte Situation wieder anpassen und die Erfahrungen der Reise für immer bei sich tragen wird.

Faszinierend

Linda Beilig

Von so weit her bis hierhin: Geschichten aus zwei Jahren im Sattel. Spannende Geschichten über faszinierende Erlebnisse auf der Weltreise
Was muss unbedingt ins Gepäck für eine mehrmonatige Radreise?

Wir haben die Dinge, die wir dabei hatten, hier auf unserem Blog aufgelistet. Ich würde schätzen, dass wir damit im unteren Mittelfeld dessen liegen, was der durchschnittliche Radreisende auf eine mehrmonatige Reise mitnimmt. Wir hätten Platz für mehr Gepäck gehabt – wir hatten jeweils nur hintere Gepäcktaschen, viele nehmen hintere und vordere, also insgesamt vier Gepäcktaschen pro Person mit – haben uns aber für die einfachere Transportierbarkeit und den “je mehr Platz man hat, desto mehr nicht-notwendiges Zeug nimmt man mit”-Ansatz entschieden. Wir hatten nie das Gefühl, nicht genug Dinge unterbringen zu können.

Je nach Wetter, Dauer und Budget einer geplanten Radreise könnte man noch auf weitere Dinge verzichten, z.B. könnte man bei relativ kurzer Dauer und/oder hohem Budget ausschließlich in Hotels/Hostels/Gasthäusern übernachten und nur auswärts/to go essen, und könnte sich dann Gegenstände wie Zelt, Schlafsack, Isomatte, Campingkocher und Geschirr sparen. Alleinreisende haben meist mehr Gepäck pro Person als Paare, da man sich Dinge wie Zelt und Kocher teilt. Manche Radreisende wollen während ihrer Reise Videoaufnahmen mit Kameras und Drohnen machen, oder wollen ein paar mehr Wechsel-Outfits mitnehmen als wir, oder eine Ukulele. Die Packliste ist also etwas sehr individuelles, das man (außer Reifenheber, Pumpe, Ersatzschläuche und/oder Flickzeug) nicht wirklich verallgemeinern kann, sich aber natürlich durchaus Inspiration über das Lesen der Packlisten anderer Radreisender holen kann.

Habt ihr was dabei gehabt, was sich völlig nutzlos erwiesen hat?

Das einzige, was mir einfällt, ist ein Kleid, das ich anfangs dabei hatte. Der Gedanke war: Was, wenn wir mal zu einer Hochzeit eingeladen werden, und ich wirklich so gar nichts dabei habe, in dem ich mich auf einer Hochzeit wohlfühlen würde, während Tims off the bike-Outfit aus schwarzer Stoffhose und Hemd immer noch akzeptabel ist? Natürlich habe ich das Kleid kein einziges Mal getragen, und es irgendwann verschenkt. Und natürlich wurden wir einige Monate später zu einer Hochzeit eingeladen. Und so erfuhr ich, was passiert, wenn man zu einer Hochzeit eingeladen wird, aber nichts zum Anziehen dabei hat, weil man gerade mit dem Fahrrad um die Welt fährt: die Cousine deines Gastgebers leiht dir einfach ein Kleid, und alle schwärmen, wie gut dir das steht und dein Facebook-Foto davon bekommt die meisten Likes, die ein Bild von dir jemals bekommen hat.

Ansonsten scheint unsere Planung sehr gut funktioniert zu haben. Wir haben einige Gegenstände von unterwegs zurück nach Hause geschickt, wie z.B. unsere Biwak-Säcke, unser Fahrradnavi und eine jeweils zweite Daunenjacke, diese hatten wir aber alle zu früheren Zeiten der Reise regelmäßig genutzt und gingen davon aus, dass dies ab einem bestimmten Zeitpunkt wegen veränderter Gegebenheiten nicht mehr der Fall sein würde (z.B. haben wir unsere zusätzlichen Daunenjacken für die kalten Abschnitte in den Pamirs und China gebraucht, würden aber danach geplant und auch tatsächlich nie wieder in Gebieten sein, in denen eine Daunenjacke nicht ausreichte). Auch die ursprünglich mitgenommenen und von unterwegs zurückgeschickten Gegenstände sind in der oben verlinkten Liste mit entsprechenden Bemerkungen aufgeführt.

Wo kann man mehr über euch erfahren?

Blog: https://pedallingtheplanet.wordpress.com/

Instagram: Linda

Instagram: Tim

Youtube: @linda.beilig

Route der Reise: Hier lang

Ein Gedanke zu „Fahrrad Weltreise: Interview mit Linda Beilig“

  1. Das Buch habe ich ohne Unterbrechung buchstäblich verschlungen!
    Das Interview in seiner Einfachheit und Ehrlichkeit
    hat mich genauso fasziniert!
    Dass die Autorin Linda Beilig das Buch auch in Englisch vorlegte, macht es weltweit zugänglich.
    Es ist anregend für viele jungen Menschen, das Wesentliche vom Unwesentlichen im Leben zu unterscheiden, im Einklang mit der Natur zu leben,
    in andere Kulturen einzutauchen und sie schätzen
    zu lernen. Ein gelungenes Werk, das man am
    liebsten im Fernsehen zeigen und
    sogar verfilmt sehen möchte!
    Bravo, Linda!

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